27. Dezember 2017

Interview mit ILN-Geschäftsführer Alexander Bauz

Digitalisierung, Fahrermangel und die gemeinsame Produktionsgesellschaft mit S.T.a.R. und VTL. Zu diesen und weiteren Themen stand ILN-Geschäftsführer Alexander Bauz zum Jahreswechsel Rede und Antwort. Ein Resümee aus dem Jahr 2017 und ein Ausblick auf das Jahr 2018.

 

Sie sind jetzt seit acht Monaten an Bord der ILN. Haben Sie sich in Ihrer Rolle als Geschäftsführer gut eingelebt?

BAUZ: Vielen Dank für die Nachfrage. Das war ausgesprochen leicht. Der Start war quasi von 0 auf 100, weil gleich in meiner ersten Arbeitswoche die transport logistic stattfand. Das war natürlich eine super Gelegenheit um reinzukommen, um alte Kontakte und auch neue Partner zu treffen. Ich muss auch sagen, dass mir die Kollegen den Start durch offenes und kollegiales Entgegenkommen sehr leicht gemacht haben. Das war sehr schön.
Davon abgesehen war es auch daher leicht, da ich schon eine langjährige Verbindung zur ILN habe, auch durch meine Beiratstätigkeit. Ich traf daher nicht auf Neuland, sondern hatte einen fliegenden Start, der super funktioniert hat und ich fühl mich auch sehr wohl.

 

Sie sind schon seit 34 Jahren in der Logistik tätig. Was macht die Stückgutbranche so besonders?

BAUZ: Die Stückgutbranche ist eine Produktionsbranche. Dagegen sind beispielsweise Luftfracht und Seefracht eher Handelsbranchen. Dort handelt der Spediteur den Laderaum bzw. die Leistung des Transportunternehmers.
Die Stückgutbranche ist eine andere Branche, weil sie nach Produktionsgesichtspunkten funktioniert. Im Stückgut gelten industriemäßige Grundsätze, das heißt die Prozesse müssen ineinander greifen. Passen diese nicht gut zusammen, entstehen Reibungsverluste, also unnötige Kosten. Vor allem kommt es auf Effizienz an, sprich man braucht in allen Prozessabschnitten eine hohe Auslastung, eine hohe Produktivität. Dies macht die Stückgutbranche aus meiner Sicht zudem auch spannender zu organisieren, weil die Aufgabe nicht nur darin liegt, seine Ware möglichst gut zu vermarkten, sondern auch gleichzeitig eine industrialisierte Produktion zustande zu bringen.
Dies hat auch über die mehr als 30 Jahre, die ich mittlerweile in dieser Branche bin, dazu geführt, dass sich die Bedeutung der Systemverkehre und der Netzwerke immer weiter erhöht hat. Es gibt heute Systeme und Netzwerke, ganz komplexe Gebilde, die miteinander konkurrieren und das hat die Gesetzmäßigkeiten in der Branche verändert. Und generell, das steht ja auch in allen Publikumsmedien und das kann auch jeder als Verbraucher beobachten: Die Bedeutung von Stückgut und Pakettransporten, von Warenbelieferungen, hat sich immens gewandelt. Da kommt jeder mit in Berührung und das ist heute ein absolutes Rückgrat der Wirtschaft in Deutschland und in ganz Europa.

 

Und wie sticht ILN dabei heraus?

BAUZ: Bezogen auf die ILN gibt es die Besonderheit, dass ILN ein Netzwerk aufbauen konnte, das kleinen und mittleren Unternehmen die Möglichkeit gibt, konkurrenzfähig auf dem Sektor unterwegs zu sein. Die großen Netzwerke auf dem Markt sind häufig Konzernnetzwerke, mit vielen Millionen an Investitionssumme. Ein kleiner Mittelständler kann da von vornherein nicht mithalten. Durch unser Netzwerk wird er aber in die Lage versetzt mit den Konzernunternehmen zu konkurrieren und sich auch gegenüber solchen Unternehmen erfolgreich am Markt zu behaupten. Da hat die ILN auch dadurch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal, dass wir die einzige Kooperation auf dem deutschen Markt sind, die den Mittelständlern die Möglichkeit gibt, in einem Direktverkehrsnetzwerk zusammenzuarbeiten, was im Vergleich zu einem Hub-basierten System eine noch höhere Leistungsfähigkeit ermöglicht, durch günstigere Zeitfenster, durch günstigere Fahrpläne und vor allem durch höhere Produktivität. Darauf kann die ILN echt stolz sein.

Hinter ILN liegt ein spannendes, außergewöhnliches Jahr 2017 mit Rekordwerten in Sendungsmenge und Volumen. Welche Chancen haben sich daraus ergeben und wie wurde der Herausforderung entgegengetreten?

BAUZ: Das letzte Jahr hat wieder eine ganze Reihe neuer nationaler und internationaler Partner in unser Netzwerk gebracht. Das heißt, wir konnten unser Netzwerk in der Substanz weiterentwickeln. Das ist ein absolut positiver Aspekt. Generell muss man sagen, dass gerade die letzten anderthalb Jahre, mit den Entwicklungen am Markt, dazu geführt haben, dass es eine viel größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen den Netzwerken gibt. Wir haben in diesem Jahr den Durchbruch bei der Kooperation der Kooperationen mit VTL und S.T.a.R. erzielt. Wir haben jetzt ein tragfähiges Konzept, mit dem wir den nächsten Schritt gehen können und die strategische Zusammenarbeit, die wir mit den Partnern bereits seit mehreren Jahren haben, in eine echte operative Zusammenarbeit umsetzen können. Hieran arbeiten wir momentan intensiv und dies wird zu einer Verbesserung und Stärkung unseres Netzwerkes führen.

 

Hat die dezentrale Struktur der ILN geholfen, der enormen Sendungsmengen Herr zu werden?

BAUZ: ILN ist auf Basis des TSP-Konzepts, mit dem wir arbeiten, ein Direktverkehrsnetz. Das heißt wir hängen nicht an dem Flaschenhals eines Hubsystems mit Hubimmobilien, die wenn sie voll sind, eben voll sind. Wir haben aufgrund unserer Direktverkehrsstrukturen und unseren TSP-Standorten die Möglichkeit, Mengen besser zu bewältigen und Kapazitätsspitzen besser abzudecken, als dies in einem Hubsystem möglich wäre. Deswegen ist unser dezentrales Netz den Hubsystemen überlegen. Gerade in Zeiten, in denen die Konjunktur so heiß läuft, wie jetzt momentan, wo enorme Sendungsmengen unterwegs sind, zeigt sich ganz klar die Stärke unseres Netzes. Zum einen in der Stabilität und Robustheit, zum zweiten auch in der Skalierbarkeit und der Anpassung an die Mengenschwankungen.

 

Internationale Verkehre sind ein wichtiger und namensgebender Bestandteil der ILN. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung des europäischen Stückgutmarkts ein?

BAUZ: Wie schon gesagt steht „International“ im Namen und ist nicht nur Programm, sondern auch tatsächlich ein Punkt auf den wir wirklich stolz sein können. ILN hat eine sehr ausgeprägte internationale Stärke. Mit Blick auf die europäische Wirtschaft sind wir an einem Punkt, an dem wir acht Jahre Aufschwung hinter uns haben. Es stand gerade jetzt zum Jahresende im Spiegel. Wir haben seit acht Jahren einen anhaltenden Aufschwung, der nächstes Jahr in der Prognose weitere 400.000 Arbeitsplätze in Deutschland nach sich ziehen soll. Das heißt wir haben eine ganz starke wirtschaftliche Entwicklung momentan. Das ist erfreulich.

Weniger erfreulich ist, dass momentan unklar ist wo der politische Trend hingehen wird. Befinden wir uns jetzt an einem Punkt, an dem die Globalisierung, der internationale Austausch und die internationale Zusammenarbeit zurückgeht oder gar zum Erliegen kommt? Oder ist die Spitze der Isolationswelle, die es in mehreren Ländern gegeben hat, bereits vorbei? Wir hoffen natürlich als Logistiker, dass sich die Offenheit der Gesellschaft, der internationale Austausch und die internationale Zusammenarbeit fortsetzen wird, weil wir denken und am eigenen Leib erfahren, dass dies zu Wohlstand führt.

Von daher haben wir eine gewisse Unsicherheit, wenngleich wir wie gesagt eine sehr starke wirtschaftliche Entwicklung haben, die auch von den Instituten für 2018 vorhergesagt wird. Die meisten Verladerbranchen in einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft haben mit 26 von 48 Verladerverbänden prognostiziert, dass sie eine gute bis sehr gute Geschäftslage im nächsten Jahr erwarten. Auch die Spedition erwartet für nächstes Jahr zuversichtliche, positive Entwicklungen. Spediteure wollen investieren und zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Also die Aussichten sind momentan sehr gut.

 

Wie hat sich diese Entwicklung auf ILN ausgewirkt?

BAUZ: Was wir als ILN momentan ganz stark erleben, ist ein enormes Interesse, Teil unseres Netzwerks zu werden oder mit unserem Netzwerk zusammenzuarbeiten, auch auf dem europäischen Markt. Wir führen sehr viele Gespräche mit europäischen Kooperationen und europäischen Netzwerken, für die Deutschland als größter und zentral gelegener Logistikmarkt ein immens wichtiger Markt ist. Da sind wir mit unserer internationalen Stärke und mit unserem Direktverkehrsnetz ein sehr gesuchter, attraktiver Partner für europäische Kooperationen und Direktverkehrspartner. Auch da erwarten wir eine weitere, expansive Entwicklung.

 

Und die operativen Hindernisse bei internationalen Verkehren, beispielsweise nach dem EU-Austritt des Vereinigten Königreichs?

BAUZ: Man muss hier eine schwierige Situation ganz klar befürchten. Und wir haben diese Situation nicht nur im Bezug auf den Brexit, sondern auch an europäischen Binnengrenzen. Es gibt solche Hindernisse beispielsweise am Grenzübergang Kufstein, an dem immer wieder Blockabfertigung stattfindet. Das ist eine ernsthafte Situation, es behindert die logistischen Abläufe ganz immens und das gilt natürlich ganz besonders für die Situation mit dem Vereinigten Königreich. Es weiß heute noch niemand. Ich habe zahlreiche Kollegen und Kontakte im Vereinigten Königreich und da herrscht eine allgemeine Ratlosigkeit, weil letztlich seit der Brexit-Entscheidung viele Monate ins Land gegangen sind und der harte Austrittstermin immer näher rückt. Das ist eine ganz gefährliche und schwierige Entwicklung, die zu einer Behinderung des Warenverkehrs führen kann, die wir uns gar nicht vorstellen können.

 

Die Strategische Allianz aus VTL, S.T.a.R. und ILN wird 2018 eine gemeinsame Produktionsgesellschaft gründen und die Netzstrukturen darin verschmelzen. Welche Vorteile ergeben sich daraus für unsere Systempartner?

BAUZ: 2018 wird das Jahr der Planung und des Schaffens der Grundlagen. Wir haben den Durchbruch erzielt und in den Gremien der drei Kooperationen Einigkeit darüber geschlossen, dass wir eine gemeinsame Produktionsgesellschaft schaffen wollen. Die Grundlagen hierfür werden wir in 2018 legen, um im Januar 2019 dann operativ damit an den Start gehen zu können. Die Vorteile für unsere Partner liegen auf der Hand. Zum einen liegen sie im Netzwerk, das wir mit den Standorten der drei Kooperationen gemeinsam bilden wollen. Zum anderen auch in der Produktionsmenge, die wir erzielen werden und mit der wir den Partnern optimale Produktionsbedingungen bieten können.

Optimale Produktionsbedingungen heißt: Viele Direktverkehre und eine hohe Auslastung in den Hauptläufen, was wiederum zu schnellen Abläufen und vor allem zu optimalen Produktionskosten pro Stellplatz führt. Wir sind da nicht an einen Flaschenhals gebunden, sondern können bei Überhängen oder Kapazitätsgrenzen auf einzelnen Linien einen anderen Weg wählen. Die Produktionsbedingungen für unsere Partner werden sich also wesentlich verbessern.

Die Produktionsbedingungen werden sich auch in der Fläche verbessern, da ein äußerst dichtes Netz geschaffen wird. In unseren Planungen prognostizieren wir eine durchschnittliche Nachlaufentfernung von 31 Kilometern im Netz innerhalb Deutschlands. Das ist konkurrenzlos gut und ein ganz wichtiger Aspekt um den Depots die Möglichkeit zu geben, ihre Kosten und den Fahrereinsatz zu kontrollieren. Zum einen, weil der Fahrzeugeinsatz bei kürzeren Nachlaufentfernungen effektiver gestaltet werden kann und so 17-18 Stopps pro Fahrzeug möglich werden. Zum anderen erleichtert es uns das Steuern und Abarbeiten von Spitzenmengen, weil wir sehr leicht und schnell Depotgebiete verändern können und ein Depot durch ein benachbartes Depot entlasten können.

Wir werden das dichteste Netz und nach Standorten letztlich auch das größte Netz in Deutschland haben. Dies gibt unseren Partnern optimale Wettbewerbsbedingungen. Das ist das Ziel, welches ILN immer verfolgt hat und was wir auch in der neuen Gesellschaft verfolgen werden. Wir wollen dem kleinen und mittleren mittelständischen Betrieb die Möglichkeit geben mit großen Systemen wettbewerbsfähig zu konkurrieren, zu den gleichen Kosten und der gleichen Leistungsfähigkeit. Das können wir in der gemeinsamen Produktionsgesellschaft noch viel besser als in der momentanen.

Herausforderung Fahrermangel: Wie sehr wird es, Ihrer Einschätzung nach, die Stückgutbranche beeinflussen? Welche Lösungswege sehen Sie?

BAUZ: Die Erkenntnis ist mittlerweile auch in den allgemeinen Wirtschaftsprognosen angekommen. Der deutsche Industrie- und Handelskammertag hat darauf hingewiesen, dass mehr Facharbeiter gebraucht werden. Eine Millionen Stellen an Facharbeitern seien unbesetzt. Und was in der Vergangenheit kaum in der Aufmerksamkeit war: Der Industrie- und Handelskammertag weist mittlerweile auch darauf hin, dass es gerade in der Logistikbranche Probleme gibt, weil zu wenig Berufskraftfahrer und zu wenig Binnenschiffer zur Verfügung stehen. Ganz kritisches Thema. Es gibt dazu keine einfache Lösung. Wir müssen daran arbeiten, den Beruf des Berufskraftfahrers wesentlich attraktiver zu machen.

Da können wir als Organisatoren des Verkehrs zu beitragen, indem wir die Arbeitsbedingungen günstiger machen. Beispielsweise indem wir die Hauptläufe so planen, dass der Fahrer am Ende seiner Schichtzeit wieder am Ausgangspunkt zurück ist und Ruhezeiten nicht im Fahrzeug eingelegt werden müssen, auch durch Begegnungsverkehre oder Stafettenverkehre. Was den Flächenverkehr angeht, ist auch hier ein kleinteiliges Netz vorteilhaft, weil es die Fahrer entlastet. Sie erzielen eine hohe Effizienz, ohne viel Zeit mit reiner An- und Abfahrt zu verbringen. Das sind Aspekte, die wir als Organisatoren des Netzes zu diesem Thema beisteuern können.

Gerade in Regionen Deutschlands mit Vollbeschäftigung, wie den Großräumen München, Nürnberg und Stuttgart, wird es noch eine ganze Menge Anstrengungen erfordern, um das Berufsbild der Berufskraftfahrer im Vergleich zu anderen Arbeitsplätzen konkurrenzfähiger zu machen. Und hierzu gibt es keine leichten Lösungen und keine schnellen Lösungen.

 

Auch die Digitalisierung hält die Branche auf Trab. Wie begegnet die ILN diesem Thema?

BAUZ: Bereits seit Jahren. Noch bevor man es Digitalisierung genannt hat. Durch die Software Equicon sind bei uns bereits seit Jahren alle Prozesse IT-unterstützt, da die Software für uns und unsere Prozesse aufgesetzt wurde. Wir können bei den großen Sendungsmengen, die wir befördern, sehr kleinteilig und bis zum einzelnen Packstück an jedem Messpunkt die Vorgänge nachvollziehen.

Was sich jetzt in den letzten Monaten deutlich abzeichnet, ist die starke Entwicklung zu mobilen Geräten. Smartphones und Tablets kommen wesentlich mehr zum Einsatz. Eine enorme Erleichterung. Früher mussten relativ aufwändig, unter Schnittstellen- und Kompatibilitätsproblemen, Geräte in die Abläufe integriert werden. Wenn Smartphones und Tablets immer stärkerer Teil der Abläufe werden, wird es viel leichter, flexibler und einfacher möglich sein, Prozesse zu verändern und an Veränderungen anzupassen. Das wird uns weiter begleiten und da sind wir erfreulicherweise mit unserem System und der Software, mit der wir unser System führen, schon sehr weit.

Darüber hinaus führt die Digitalisierung auch zu einem wesentlichen Nachfrageschub für uns. Business-to-Consumer und Onlinehandel werden immer stärker ein Thema. Und das führt auch zu immer stärkerer Vernetzung und Verzahnung von uns als Logistikunternehmen mit den Prozessen in der Wirtschaft. In der Vergangenheit wurde aufwändig und mit Individualprogrammierung, früher sprach man von DFÜ/Datenfernübertragung, Schnittstellen zu den Kunden installiert. Das geht heute wesentlich leichter und schneller. Insgesamt ist es eine Entwicklung, die uns als Logistikdienstleistern sehr in die Karten spielt und uns auch wesentlich die Prozesse erleichtert. Da bin ich sehr optimistisch, dass dies noch weitere Produktivitäts- und Qualitätssprünge für unser Netzwerk bringen wird.

Vielen Dank für das Interview

 

Alexander Bauz hat nach einem Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (dhbw) in Mannheim Führungspositionen in mittelständischen und Konzern-Unternehmen auf dem Logistiksektor inne gehabt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bonn. Zu seinen Freizeitbeschäftigungen zählen Ausdauersport und Reisen.